Die Restauration a.a.O. ist ein Gedankengebäude,
das zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten konkrete Formen annehmen kann. Das 2003 von Dieter Froelich ins Leben gerufene (Koch)Kunstprojekt vereint verschiedenartige Handlungsräume unter seinem Dach.

Die Restauration a.a.O. ist ein Speiselokal.
Die Abkürzung »a.a.O.« stammt aus dem wissenschaftlichen Zitieren und steht für »am angegebenen Ort«. Das konzeptuelle Speiselokal hat dementsprechend keine festen Öffnungszeiten und auch keinen festen Platz, sondern wird in unterschiedlichen Zusammenhängen an verschiedenen Orten realisiert. Dabei kann es sich um ein leerstehendes Ladenlokal, eine Werkstatt, eine Galerie, ein Museum oder um andere Orte handeln, an denen Froelichs mobile Küche installiert ist.
Den Gast erwartet in der Regel ein mehrgängiges Menü. Über die zubereiteten Speisen, ihre Herkunft und ihre Geschichte, informiert jeden Esser ein kleiner, einführender Vortrag und ein handgefertigtes Textheft.



Das Angebot richtet sich an Gäste, die sich auf ungewohnte Speisen einlassen wollen. Die Essenden sollen zwar nicht in postdadaistischer Manier durch Speisen verschreckt werden, dennoch wird es an der Tafel der Restauration a.a.O. die Erfahrung des Fremden geben – das Fremde im Eigenen, sozusagen.
Restauration bedeutet auch Wiederherstellung. In diesem Sinne sind meist Gerichte zu erwarten, die in unserer Küche vorhanden waren, aber mittlerweile fast vergessen sind. Dabei geht es keineswegs um ein nostalgisches Erinnern an die Rezepte unserer Großmütter oder gar um Propaganda für eine imaginäre Küche der guten, alten Zeit. Mit seiner Restauration a.a.O. betreibt Froelich »Kulinarische Archäologie«, wie es der Publizist Jörg Biesler einmal formulierte.

Speisen sind Bilder und Nahrungszubereitung ist Weltentwurf. Beim Kochen spiegelt sich das individuelle und kollektive Weltverständnis von Koch und Gesellschaft. Wachstumsdenken und Novitätenterror haben längst Einzug gehalten in die Köpfe der Kochenden.
In Opposition zu diesem Wettbewerbskochen betreibt die Restauration a.a.O. kulinarische Abrüstung. Verzichten müssen die Gäste von daher auf alle Arten von Erlebnisgastronomie, Arrangements, Potpourris, Carpacchios, Variationen von... und an..., überpuderte Dessertteller, manierierte Amuse Gueules, gut gemeinte Tischdekorationen, Hintergrundmusik, schlechte Bilder an den Wänden und anderen Unsinn.



Die Dinge der Restauration a.a.O., das Koch- und Eßgeschirr entsprechen dem besonderen Charakter dieses Speisekonzepts. Auf das weiße Porzellangeschirr der unterschiedlichsten Marken und Formen ist das Logo der Restauration a.a.O. gebrannt. Die einfachen Bechergläser und Glaskaraffen sind mit graviertem »a.a.O.« versehen.



Die Restauration a.a.O. ist ein Forschungsprojekt.
Im Rahmen seiner kulinarischen Grundlagenforschung entwickelte Froelich das Modell von den Archetypen der Speisen. Mit der »Topografie der Gemengsel und Gehäcksel« erschien 2010 der erste, einer auf drei Bände angelegten Publikationsreihe zu diesem Thema.   Leseprobe
Ende 2012 erschien der von der Stiftung Kunstfonds geförderte zweite Band: »supen. Getränk, Brühe, Sülze, Mus, Suppe, Eintopf. Eine Betrachtung der flüssigen Speisen«  Leseprobe



Die Restauration a.a.O. ist eine Bildungseinrichtung.
Nicht nur in den so oft erwähnten bildungsfernen Schichten mangelt es an elementarer Kochkompetenz. Und je mehr die Fähigkeit zur differenzierten Wahrnehmung, Beurteilung und Herstellung von Speisen abnimmt, desto lauter wird der Ruf nach Erlebnis und Inszenierung.

In Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen veranstaltet die Restauration a.a.O. Kochseminare. Im Kunstkontext finden solche Seminare im Rahmen von Ausstellungen statt. In diesen Kochseminaren werden keine raffinierten Einzelrezepte vermittelt, sondern grundlegendes Wissen über die jeweiligen Speisegruppen. Im Vordergrund steht also zum Beispiel nicht das spezifische Knödelrezept, sondern das »Prinzip Knödel«. Die Kenntnis dieser grundsätzlichen Prinzipien befähigt dazu, jeden Knödel kochen zu können.
Ein weiterer Teil der Bildungsarbeit sind die von Froelich gehaltenen Vorträge zu verschiedenen Themen wie »Kochen als Kunstgattung«, »Archetypen der Speisen«, »Manierismus in der Speisengestaltung« u.a.m..



Die Restauration a.a.O. ist ein Kochkunstprojekt.
Kunst ist Setzung. Und um einer verbreiteten Vorstellung entgegen zu treten: Kunst drückt nichts aus, sondern sie konstituiert.
Ein Brei aus Kartoffeln, Butter, Sahne und Gewürzen auf einem Teller ist a priori nicht weniger Kunst, als ein Brei aus Pigmenten, Bindemitteln und Füllstoffen auf einer Leinwand. Nahrungszubereitung ist, wie jede Kulturleistung, Formulierung von Weltsicht und Weltverständnis. Die Zutaten bezüglich Produktion und Rezeption sind ähnlich denen der anderen Künste: Idee, Intention, Material, Form, Beherrschung der Mittel, Stil, Maß, Proportion, Geschichte, Tradition, Mode und nicht zuletzt der Geschmack.

Die Restauration a.a.O. hat sich im Kontext der bildenden Kunst entwickelt, mittlerweile aber sind kategoriale Einordnung in Hinblick auf das Denken und Handeln in den Hintergrund getreten. »Mich interessiert der Bildbegriff im weitesten Sinne. Wer generiert welche (Speise)Bilder aus welchem Grund und zu welchen Zweck?« (Froelich)

Die Restauration a.a.O. ist eine Plastik.



»Froelichs Küchenphilosophie betreibt Aufklärung im besten Sinne des Wortes: Seine Kunst vermittelt Erkenntnisse über gastrosophische Zusammenhänge und ein elementares Wissen, das den Menschen hilft, besser zu essen und kulinarisch besser zu leben. Sie leitet zu einer Lebenskunst an und setzt damit anhand der kulinarischen Praxis das ursprüngliche Anliegen des künstlerischen Avantgardismus wirklich um, indem Leben und Kunst (als Prinzip gestaltender und gestalteter Freiheit) zu einer besseren Lebenspraxis vereint werden.«
(Harald Lemke)
Den gesamten Essay von Harald Lemke über die Restauration a.a.O. finden Sie hier.

Eine Polemik von Dieter Froelich
zum Thema »Kochen als Kunstgattung« hier.